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Fetter Reibach

Dr. Harald Wiesendanger

Aktualisiert: vor 4 Tagen




Nie wieder Diät? Mit Arzneien zum Abnehmen wird der Steuerzahler ebenso zuverlässig Geld wie Gewicht los: Zunächst finanziert er ahnungslos Forschung und Entwicklung – dann muss er Wucherpreise hinnehmen. Big Pharma lacht sich ins Fäustchen, wieder einmal.



An den Tag brachten es Recherchen des Online-Nachrichtenmagazins The Lever: US-Steuerzahler übernahmen Kosten für Forschung, Entwicklung und Vertrieb von GLP-1, der neuen Klasse von Blockbustern zur Gewichtsreduzierung, in Höhe von rund 6,2 Milliarden Dollar. Den Profit streichen Pharmafirmen ein: Mit Medikamenten wie Ozempic und Wegovy (mit dem Wirkstoff Semaglutid), Zepbound und Mounjaro (mit Tirzepatid) setzten die Marktführer Novo Nordisk und Eli Lilly im Jahr 2024 knapp 14 Milliarden US-Dollar um; für 2025 wird ein Anstieg auf 21 Milliarden erwartet, bis 2030 sollen es 49 Milliarden werden. “Falls unter den 800 Millionen Übergewichtigen weltweit auch nur jeder Vierte zu GLP-1-Medikamenten greift”, rechnet das Marktforschungsunternehmen William Blair in Chicago vor, “so könnte, bei geschätzten Kosten von jeweils 2500 Dollar pro Behandlung, der Jahresumsatz 500 Milliarden Dollar erreichen – einer der größten Märkte in der Geschichte der biopharmazeutischen Industrie.”


Die Nachfrage ist so gewaltig, dass sie inzwischen schon weltweit zu Lieferengpässen führt. (1) Im Mai 2024 nahmen mehr als 15 Millionen US-Amerikaner - jeder achte Erwachsene - GLP-1-Präparate ein. Allein in den Vereinigten Staaten beginnen mindestens 25.000 Menschen jede Woche mit Wegovy. Zur Zielgruppe zählen schon Grundschüler: Der dänische Pharmagigant Novo Nordisk – dank des Hypes zu Europas wertvollstem Unternehmen aufgestiegen – führt gerade Phase-3-Studien durch, in denen er seinen Newcomer „Saxendra“ Sechs- bis Zwölfjährigen einverleibt.


Zum „wissenschaftlichen Durchbruch“ hochgejubelt


Den Boom befeuern Medien, die Abnehmspritzen kritiklos als “Wundermittel”  anpreisen. 2023 kürte das renommierte Science-Magazin GLP-1-Abspeckhilfen zum “wissenschaftlichen Durchbruch des Jahres”. (2) Werbeagenturen lassen Prominente davon schwärmen (3) – von Oprah Winfrey über den einstigen Tennisstar Billie Jean King und der Rapperin Queen Latifah bis hin zu einer gewissen Kim Kardashian, der weltweit einzigen Rapperbraut, die mit null Lebensleistung zur vergötterten, medial dauerpräsenten Milliardärin aufstieg. Auf Instagram, TikTok und anderen sozialen Medien verdienen sich käufliche Influencer eine goldene Nase mit schrillen Lobpreisungen.


Ursprünglich für Typ-2-Diabetiker entwickelt, tun sich für Ozempic & Co. fast schon im Wochenrhythmus immer neue Anwendungsmöglichkeiten auf: von Alkoholismus, Nikotinsucht und Opioidabhängigkeit bis hin zu Psychosen, Leukämie, Schlaganfällen, Herzinfarkten, Alterung, Parkinson und Alzheimer – ein pharmakologischer Tausendsassa, wie es scheint.


Unter den Teppich kehren Journalisten dabei Nebenwirkungen, die sich keineswegs auf ständige Übelkeit, heftiges Erbrechen, Sodbrennen, Bauchschmerzen, Verstopfung, Durchfall und Schlafstörungen beschränken. Es häufen sich alarmierende Berichte über Ohnmachtsanfälle, erheblichen Muskelschwund, Gastroparese – Gegessenes verbleibt im Magen -, Darmverschluss, arthritisartig entzündete Gelenke, zu niedrigen Blutdruck, allergische Reaktionen, Bauchspeicheldrüsenentzündung, Magenlähmung, Nieren- und Gallenblasenerkrankungen, Schilddrüsenkrebs und plötzlichen Sehverlust. (4)  Häufig bestehen Symptome nach Absetzen fort. Anscheinend kann das Zeug auch Suizidgedanken auslösen, denen bisweilen Taten folgen. Für schwangere Frauen sind die Mittel so gefährlich, dass US-Ärzte dafür plädieren, sie mit einem entsprechenden Blackbox-Hinweis zu versehen: der strengsten, schwarz umrahmten Warnung, welche die Arzneimittelbehörde FDA für Medikamente aussprechen kann, wenn ernste, ja lebensbedrohliche Folgen drohen. Eine im Januar 2025 in Nature Medicine veröffentlichte Studie mit 215.970 Diabetikern, die GLP-1-Medikamente einnahmen, fand nicht weniger als 19 bedenkliche Nebenwirkungen.


Viel Risiko für fragwürdigen Nutzen


Die GLP-1-Wirkstoffe verschlanken tatsächlich, noch weitaus zuverlässiger, als PDE-5-Hemmer, wie bei Viagra, gewisse Schwellkörper verhärten. Dies gelingt ihnen, indem sie das körpereigene Hormin GLP-1 (Glucagon-like Peptide-1) nachahmen. Im Gehirn veranlassen sie das Sättigungszentrum im Hypothalamus, den Hunger zu dämpfen. Darüber hinaus verlangsamen sie die Magenentleerung, weswegen man sich früher und länger satt fühlt. Sie lassen die Bauchspeicheldrüse mehr Insulin produzieren, gleichzeitig hemmen sie die Glukagonausschüttung, was die Blutzuckereinstellung verbessert. All dies führt in der Regel dazu, dass Patienten erheblich weniger Kalorien zu sich nehmen – und folglich abspecken. Je nach Wirkstoff und Einnahmedauer liegt der durchschnittliche Gewichtsverlust immerhin zwischen 15 und 24 %.


Das ist enorm.


Aber: Die lästigen Pfunde schmelzen im allgemeinen nur solange ab, wie gespritzt wird. Kaum setzt man Wegovy & Co. ab, da tritt ein Rebound-Effekt auf, wie er schon gewöhnliche Diäten ziemlich zuverlässig ruiniert: Rasch sind die Pfunde wieder drauf (5), wie Patientenberichte ebenso bestätigen wie Studien. Deshalb plädieren „Experten“, die ihre Interessenkonflikte zu verschweigen pflegen – die berüchtigten „Mietmäuler“ der Branche -, für beharrliche Langzeitanwendung: Als chronische Erkrankung müsse Adipositas dauerhaft behandelt werden, bis ans Lebensende. So liebt die Pharmaindustrie ihre Kundschaft: Möglichst früh, möglichst lange, möglichst oft soll sie zugreifen.


Wer hierbei mitspielt, wird schamlos zur Kasse gebeten: In den USA kosten GLP-1-Medikamente pro Patient und Jahr im Schnitt umgerechnet 11.000 bis 17.500 Euro. Für Ozempic werden etwa 915 Euro pro Monat fällig, verglichen mit 135 Euro in Kanada, 113 Euro in Deutschland, 85 Euro in Großbritannien und 76 Euro in Frankreich. Wegovy ist in den USA für rund 1200 Euro pro Monat gelistet, gegenüber etwa 300 Euro in Deutschland, 170 Euro in Dänemark, und 84 Euro im Vereinigten Königreich. Dafür muss man aus eigener Tasche aufkommen. Weil die Präparate als Lifestyle-Arzneien gelten, zahlen die Krankenkassen nicht – noch nicht. Industrienahe Politiker und eine Armee von Lobbyisten arbeiten zielstrebig daran, diese Regelung zu ändern.


Fette Pharma-Junkies sichern fette Gewinne


Solange die Menschheit weiter verfettet, dürfte die Nachfrage weiter steigen. Voraussichtlich 3,8 Milliarden Erwachsene und 746 Millionen Kinder und Jugendliche mit Übergewicht oder Adipositas könnte es bis Mitte dieses Jahrhunderts „ohne entsprechende politische Maßnahmen, Reformen und neue Therapien“ geben. Diese Prognose leiten australische Forscher aus Trends in vorliegenden Gesundheitsdaten ab. In Deutschland könnten 20 bis 23 Prozent der jungen Menschen betroffen sein. Die Ergebnisse weisen auf "monumentale gesellschaftliche Versäumnisse und einen Mangel an koordinierten globalen Maßnahmen" hin, erklärt Studienleiterin Jessica Kerr vom Murdoch Children's Research Institute in Melbourne. Es drohen katastrophale Folgen für das öffentliche Gesundheitswesen, bei glänzenden Vermarktungsaussichten für Abnehmspritzen und –pillen – es sei denn, Übergewichtige besinnen sich auf den mühsameren, aber gesünderen und billigeren Weg, abzuspecken: einfach weniger Kalorien aufnehmen als verbrauchen. Dafür müssen Übergewichtige kein Rezept einlösen, sondern bloß den guten Rat beherzigen: Bewege dich mehr, ernähre dich besser.


„Wir fressen uns zu Tode“


Weil Homo sapiens grundsätzlich dazu neigt, den vermeintlich bequemsten Weg zu gehen, sieht zumindest die US-Medizinerin Dr. Casey Means allerdings rabenschwarz. GLP-1 „könnte das profitabelste Medikament in der Geschichte der Menschheit werden“, sagte sie kürzlich in einem Fernsehinterview in der Tucker Carlson-Show voraus. Ebenso wie ihr Bruder Calley, ein früherer Lobbyist für Big Pharma und Big Food, hatte sie ihren Job an den Nagel gehängt, als ihr „entsetzt klar wurde, wie viele Menschen das System umbringt, dessen Teil sie sind“. Nach ihren Eindrücken „verfestigt sich die Vorstellung, dass es eine magische Pille gibt - dass die Erlösung von unseren chronischen Gesundheitsproblemen in einer Spritze zu finden ist. (…) Wir sind die einzige Spezies auf der Welt, die eine Epidemie von Fettleibigkeit und chronischen Krankheiten erlebt, (in erster Linie) aufgrund von ultraverarbeiteten Lebensmitteln. Alle anderen Tiere in der freien Natur ernähren sich von echter, natürlicher Nahrung (…) und sind in der Lage, ihr Sättigungsgefühl zu regulieren. Sie fressen sich nicht zu Tode, wie wir es tun.“  

Anmerkungen

 

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